Die andere Welt
Wind. Und das Rascheln der Blätter. Warum war alles so weich…und feucht?
Irgendwas stimmte hier ganz und gar nicht. Warum spürte Akio plötzlich so ein seltsames Kribbeln auf seiner linken Wange?
„Hm, vielleicht ein Mückenstich…“, murmelte er mit noch immer fest verschlossenen Augen. Dieser Traum war einfach zu schön. Er lag bestimmt auf einer Wiese, die noch vom Morgentau glänzte.
Doch, was war das? Seit wann konnten sich Mückenstiche denn bewegen? Jetzt war er sich sicher, hier stimmte wirklich etwas nicht.
Er fuhr sich mit der Hand über die Wange, zuckte aber sofort wieder zurück, als sich das Etwas wieder bewegte. Er nahm all seinen Mut zusammen und versuchte dieses Ding von seiner Wange zu entfernen. Mit Glück. Doch als er endlich die Augen öffnete, sah er zwei pechschwarze, kleine Augen, die ihn anzustarren schienen. Wie von einer Tarantel gestochen, was in diesem Falle sogar fast der Wahrheit entsprach, sprang Akio auf und lief erst einmal ein paar Meter vorwärts. Er hatte diese Tiere schon immer gehasst. Spinnen. Einfach widerlich und er würde seine Ansicht nicht so schnell ändern, das versprach er sich.
Als sich die Spinne zu Akios Zufriedenheit endlich verdrückt hatte, staunte der Junge nicht schlecht, als er sich seine nähere Umgebung einmal genauer ansah. Er hatte sich also doch nicht geirrt. Hier waren tatsächlich Bäume und auch der Wind blies ihm kräftig um die Ohren.
War das hier wirklich bloß ein Traum, oder doch die Realität? Akio kam es nicht so vor, als ob er schlief. Ganz im Gegenteil. Er fühlte sich so wach, wie schon lange nicht mehr.
Als er sich die Umgebung in der Ferne anschaute, entdeckte er etwas Rauch hinter dem nahe gelegenen Wald.
Langsam ging er auf darauf zu, um sich die Sache mit dem Rauch näher anzusehen. Wenn er Pech hatte, gab es dort nur einen kleinen Waldbrand, der bald wieder verebbte. Andererseits, warum konnte er nicht einmal richtig liegen und dort war ein kleines Haus zu finden, in dem er vielleicht sogar auf Menschen traf, die ihm Antworten geben konnten? Er wollte wissen, wo er sich befand, auch wenn das Risiko verletzt zu werden nicht gerade gering war.
Der Weg durch den Wald erwies sich schwieriger als zuerst erwartet. Er war so dicht, dass es Akio alle Kraft kostete auch nur bis zur Mitte durchzudringen, in der sich eine kleine Lichtung befand.
Vor Erschöpfung lehnte er sich gegen einen Baum und verschnaufte erst einmal kräftig.
Wie lange war er eigentlich schon an diesem Ort? Ihm kam es vor wie Stunden, aber das konnte nicht sein. Seine Uhr zeigte noch immer 10:47 Uhr. Genau die Zeit, in der er zu Bett gegangen war.
Ein Gedanke schoss ihm durch den Kopf. Wenn das alles hier nur ein Traum war und er sich an einem anderen Ort oder sogar in einer anderen Welt befand, konnte hier nicht auch die Zeit anders vergehen, einfach stehen bleiben?
Immerhin eine Möglichkeit. Anders konnte er sich die Uhrzeit auch nicht erklären.
Nach einer guten halben Stunde stand der Schwarzhaarige wieder auf und setzte den mühsamen Weg durch den dichten Wald fort. Diesmal verlief die Durchkämmung des Gestrüpps erstaunlicherweise ziemlich gut. Innerhalb weniger Minuten durchbrach er die letzte Baumreihe und helles Licht strömte in seine Augen. Vorsichtshalber schloss er diese für kurze Zeit, bis sie sich an das Übermaß an Sonnenlicht gewöhnt hatten.
Als Akio seine Augen wieder öffnete, sah er zu seiner Zufriedenheit, dass er sich nicht geirrt hatte. Vielleicht fünfzig Meter entfernt, stand ein kleines Häuschen inmitten eines Feldes.
Es hatte etwas Gemütliches an sich, wie er fand.
Der Junge ging nun los, um sich die Sache etwas genauer anzusehen. Was konnte schon Schlimmes geschehen?
Doch gerade angekommen, fing Akio an sich Sorgen zu machen. Was wäre denn, wenn dort so ein verrückter Psychopath wohnte, der ihn auf der Stelle töten wollte? Immerhin war das hier weit und breit das einzig bewohnbare Gebiet. Nichts. Absolut gar nichts hätte auf eine nette ‚Nachbarschaft’ hinweisen können.
Aber hatte er denn eine großartige Wahl? Ihm blieb nichts anderes übrig, als zu klopfen. Klingeln waren wohl noch nicht erfunden, was er etwas seltsam fand.
„Bin ich hier in der Edo-Epoche gelandet oder wie…?“, fragte er sich selbst. Das konnte doch nur ein Traum sein, oder?
Schon nach kurzem Warten regte sich etwas hinter der Tür. Ein Rascheln von Kleidung, etwas Schweres wurde weggezerrt und dann öffnete sich die Tür einen Spalt breit.
In dem dahinter liegenden Raum war es so dunkel, dass Akio nur die groben Umrisse der Person erkennen konnte, die geöffnet hatte. Genau zu sehen war eigentlich nur das Auge, welches durch den Spalt lugte.
„Was willst Du, Junge?“, fragte die Person ruppig,die sich an der Stimme als Mann identifizieren ließ.
„Bitte, Sir, könnten Sie mir sagen, wo ich hier bin…oder besser: Könnten Sie mir eventuell sagen, in welcher Zeit ich mich befinde?“, fragte Akio verlegen. Er wusste nicht wie er den Mann ansprechen sollte, die Englische Form ‚Sir’ kam ihm da ganz gelegen.
„Was bist Du denn für einer, Junge? Wohl auf den Kopf gefallen, wie? Na, komm erst einmal rein!“
Gesagt, getan. Der Mann öffnete die Tür nun ganz und Akio durfte eintreten. So wie es dort drin aussah, konnte Akio wirklich darauf schließen, dass er sich in der Edo-Zeit befand. An den Wänden hingen jede Menge Waffen, besonders viele davon erkannte er als Katanas, die Schwerter der Samurai.
Auch der Mann passte, näher betrachtet, genau in diese Zeit. Er schien etwa die 35 Jahre alt und trug einen einfachen Kimishimo, wie sie auch in der für Akio normalen Zeit gern zum Ausruhen getragen wurden. Ein leichter Anzug in dunklen Tönen gehalten, ähnlich wie ein Kimono. Und zudem sah der Junge neben der Tür noch ein Paar Zôri stehen. Sandalen, die aus Stroh oder Stoff gefertigt wurden.
So langsam glaubte er tatsächlich einen echten Samurai vor sich zu haben, denn Kimishimo wurden früher eigentlich nur von eben diesen getragen.
„Bitte setz Dich doch, Junge.“, meldete sich nun auch der Mann zu Wort.
„Danke, Sir.“, erwiderte Akio höflich und setzte sich dem Mann gegenüber an den kleinen Holztisch.
„Nun. Zu allererst sollten wir uns vielleicht vorstellen. Namikaze Shouta. Sehr angenehm.“
„Toshimura Akio. Freut mich Sie kennen zu lernen, Namikaze-san.“
„Ebenfalls, Toshimura-san.“
„Nein, nein. Nennen Sie mich doch bitte Akio“, sagte dieser und winkte etwas verlegen ab. Er wurde nicht gerne so höflich mit dem Nachnamen angesprochen.
„Also, Akio. Wie Du wünschst. Aber jetzt zu einem wichtigeren Thema. Du wolltest vorhin wissen, in welcher Zeit Du dich befindest. Wenn man Dich ein wenig näher betrachtet, fällt gleich auf, dass Du nicht von hier stammen kannst. Dafür sieht die Kleidung, die Du trägst zu…nun ja, ungewöhnlich aus. Also, wie lautet das Jahr, aus dem Du stammst?“
„2008, Namikaze-san.“, antwortete der Angesprochene.
„2008 also? Nun, das ist eine weit entfernte Zeit. Wir befinden uns hier im 17. Jahrhundert.“, erläuterte der Mann.
„Also hatte ich doch Recht…“, murmelte Akio und fragte sofort:
„Namikaze-san. Entschuldigen Sie meine Neugier, aber…sind Sie ein Samurai?“
„Natürlich bin ich ein Samurai, Akio. Gibt es in eurer Zeit etwa nicht mehr so viele?“
Jetzt wurde er neugierig und wollte wissen, was Akio auf diese Frage antworten würde.
„Um ehrlich zu sein, nein. In meiner Zeit gibt es keine Samurai mehr. Sie sind Geschichte und sind in eben diesen Büchern zu finden.“, sagte Akio mit gesenkter Stimme.
Der Mann zeigte nur eine schwache Reaktion, aber Akio wusste genau, wie es in ihm aussah. Er würde sich genauso fühlen, wenn er plötzlich erfahren würde, dass seine Rasse in der Zukunft ausgestorben war. Vernichtet. Einfach von der Welt verschwunden, daher versuchte er ihn ein wenig abzulenken und sprach ein anderes Thema an.
Mittlerweile war er sich sicher, dass dies kein Traum war. Alles hier hatte mit ziemlicher Sicherheit mit dem Amulett zu tun, welches er noch immer um den Hals trug.
Er schaute kurz an sich herab und nahm das Amulett in die Hand. Wieder begannen die Farben wild durcheinander zu wirbeln.
Auch der Samurai sah dies und fragte sogleich mit ernster Stimme:
„Woher hast Du dieses Amulett, Akio? Ich habe es schon einmal gesehen. Früher, als ich selbst noch in Deinem Alter war, zeigte es mir mein alter Lehrmeister. Es soll magische Kräfte besitzen. Sehr komisch, dass es ausgerechnet in Deiner Zeit gelandet ist. Ich weiß nicht, ob du jetzt wieder in Deine eigene Epochezurückkehren kannst.“
Diese Aussage hatte gesessen. Sie stellte Akios gesamtes Urteilsvermögen und alles, was damit zusammenhing, auf den Kopf.
Nicht mehr zurück nach Hause? Zu seiner Familie, seinen Freundenund alles was ihm am Herzen lag? Das konnte doch nicht möglich sein!
Aber wenn dies wirklich der Wahrheit entsprach, musste er schnellstens einen Weg finden in dieser Gegenwahrt zu überleben. Er überlegte kurz und dann kam ihm die Idee. Solange er keinen Weg fand, um zurückzukehren, musste er sich einen ‚Job’ suchen, wenn man das hier so nennen konnte. Wenn Namikaze-san schon ein Samurai war, warum konnte er ihm nicht auch seinen größten Traum erfüllen und ihn selbst in dieser alten Kampfkunst unterrichten? Die Frage blieb auch nicht lange unausgesprochen.
„Namikaze-san…könnten Sie…ich meine…falls ich nicht mehr nach Hause kann, würden Sie mir vielleicht zeigen, was es heißt, ein echter Samurai zu sein?“
Gespannt wartete er auf die Antwort des Samurai.
Jetzt hing alles von dieser einen Entscheidung ab. Sie würde allem Anschein nach über Akios weiteres Leben urteilen.
Nach langer Überlegung öffnete Namikaze-san seinen Mund und verriet ihm seine Antwort.
„Und Du bist dir sicher, dass Du das tun willst, Akio? Es ist ein langwieriges und hartes Training, bis Du dich einen echten Samurai nennen kannst. Es könnte dich auch das Leben kosten.“
Na ja, besser als Held sterben, als ewig auf der faulen Haut zu sitzen und gar nichts fürs Leben lernen, oder etwa nicht? Akio fackelte nicht lange und nickte entschlossen.
„Ja Namikaze-san. Ich will ein Samurai werden. Koste es, was es wolle.“
„Ich nehme Dich beim Wort, Akio. Ich werde Dich nun in den nächsten paar Wochen, Monaten, wenn nicht sogar Jahren unterrichten und Dir die Kunst des Samurai veranschaulichen.“