Beginning
Es war die Nacht vor seinem siebzehnten Geburtstag, die sein ganzes Leben verändern sollte…
Jeremy blutete. Leise vor sich hin fluchend, hielt er die rechte Hand mit der linken umklammert und stieß mit der Schulter seine Zimmertür auf. Das Knirschen von zerbrechendem Porzellan war zu hören: Er war auf eine Tasse mit kaltem Tee getreten, die auf dem Boden vor seiner Tür stand.
»Was zum -?«
Er blickte sich um; auf dem Treppenabsatz im Obergeschoss war niemand. Vielleicht hatte sein Mitbewohner den Tee für einen genialen Streich gehalten. Während Jeremy seine blutende Hand weiter hochhielt, scharrte er mit der anderen die Scherben der Tasse zusammen und warf sie in den bereits vollgestopften Papierkorb, der hinter der Zimmertür hervorlugte. Dann trottete er hinüber zum Badezimmer und ließ Wasser über seinen Finger laufen.
Es war dumm, sinnlos und unglaublich ärgerlich, dass immer noch vier Tage vor ihm lagen, an denen er nicht zur Schule und somit zu seinen Freunden konnte. Samara würde ihm die Hölle heiß machen, wenn er sich nicht bald mit ihr treffen würde, damit sie ihren Frust abbauen konnte. Dieses Mädchen konnte so anstrengend sein! Manchmal fragte er sich tatsächlich, warum er überhaupt mit ihr befreundet war. Sie halfen sich gegenseitig mit Hausaufgaben und all den Dingen, die mit der Schule zu tun hatten. Okay, aber machte das allein eine Freundschaft aus? Nein. Es waren all die kleinen Dinge, die es immer wieder schafften, die beiden nach einem grundlosen Streit wieder zusammenzuraufen.
Doch, was dachte er da eigentlich? Er hatte anderes zu tun, als an Samara zu denken. In ein paar Stunden würde er endlich siebzehn Jahre alt werden. Grund genug, um sich mit anderen Dingen zu beschäftigen.
Etwas ließ ihn in seinen Aktivitäten innehalten. Er war nun bald erwachsen und konnte sich nicht an seine Eltern erinnern. Soweit er wusste, hatten sie, als er noch ganz klein gewesen war einen schlimmen Autounfall gehabt, bei dem sie umkamen. Es ärgerte ihn tierisch, dass er nicht mehr wusste, wie sie aussahen, geschweige denn, wieso einzig und allein er dieses Unglück überlebt hatte.
Etwas riss ihn aus seinen Gedanken. Soeben hatte die Standuhr im Gang Mitternacht geschlagen. Jeremy war nun endlich siebzehn. Doch damit begann auch der dunkle Teil seines Lebens.
Seine Beine fingen plötzlich an zu schmerzen und er verspürte den heftigen Drang, einen nächtlichen Spaziergang zu machen.
Er blickte sich noch einmal nervös um. Alles war ruhig. Die Lichter in den Nebenzimmern waren alle gelöscht; im Gang war es stockfinster.
Immer unruhiger werdend begab er sich auf leisen Sohlen zur Wohnungstür und schloss sie, die frische Nachtluft tief einatmend, leise hinter sich zu.
Inzwischen taten ihm die Beine nicht nur weh, sie juckten auch, und er krümmte die Zehen, um herauszufinden, ob das Jucken dann aufhörte. Es hörte nicht auf.
Das Jucken wurde mit der Zeit zu einem scharfen Brennen, dass sich immer weiter auf dem gesamten Körper ausbreitete.
»Was zur Hölle ist das?! Das ist doch nicht normal, verdammt!«, zischte er.
Jeremys Haut spannte sich immer weiter an. Das Gefühl wurde immer stärker und er versuchte den Schmerz aus seinen Gedanken auszusperren. Schmerz. Was für ein nichts sagendes Wort – Qual traf es eindeutig besser. Man bezeichnete das Gefühl, bei lebendigem Leib gehäutet zu werden, nicht als ‚schmerzhaft’.
Jeremy krümmte sich vor lauter Schmerz zusammen und wurde hinunter gezwungen. Sein Körper brachte sich schon fast von alleine in eine andere Position, die den Schmerz etwas stimulierte. Den Kopf nach unten, auf alle viere, Arme und Beine gestreckt, Hände und Füße gekrümmt und den Rücken gebogen. Die Beinmuskeln verknoteten und verspannten sich. Jeremy keuchte laut, als er im Gebüsch neben der Treppe landete, die zur Haustür führte. Schweiß brach aus allen Poren und strömte über ihn. Nun gaben die Muskeln endlich nach und entspannten sich.
Der Schmerz ließ langsam nach, doch Jeremy wagte es kaum die Augen zu öffnen. Was war passiert? Etwas so unbeschreiblich Schmerzhaftes hatte er ja noch nie erlebt.
Langsam streckte er sich und blinzelte. Als er sich so umsah, hatte die Welt eine Farbpalette angenommen, die das menschliche Auge nicht kannte, Schwarz- und Braun- und Grautöne erstreckten sich über die gesamte Umgebung.
Etwas Merkwürdiges war geschehen. Jeremy hatte das Gefühl, kein Mensch mehr zu sein. Seine Wahrnehmung hatte sich komplett verändert. Er roch Dinge, von denen er bisher nicht einmal zu träumen gewagt hatte. Dinge, die die Nase eines gewöhnlichen Menschen nicht riechen würde.
Er wollte sich ein genaueres Bild seiner selbst machen und stand langsam auf. Komisch, unter ‚aufstehen’ verstand er etwas anderes, als seinen gesamten Körper auf alle viere zu stützen.
Beim Umdrehen erhaschte er verzerrte Teile seines Spiegelbilds in einem verbeulten Mülleimer. Seine Augen starrten ihm ins Gesicht. Er zog die Lippen zurück und fauchte sich selbst an. Weiße Reißzähne blitzten auf dem Metall.
Er war ein Wolf, ein etwa 70 Kilogramm schwerer Wolf mit weißgrauem Pelz. Das Einzige, was ihm an Menschlichen noch geblieben war, waren die grünen Augen; sie glitzerten vor kalter Intelligenz und einer Wildheit, die niemand einem Tier zuordnen würde.
Jeremys Gedanken sind wirr und trübe, verwirrt nicht nur durch die Verwandlung seiner äußeren Gestalt, sondern auch durch die unnatürliche Wahrnehmung seiner Umgebung.
Alles war anders als zuvor und es würde sich nicht wieder legen, bevor er starb. Das, was gerade eben geschehen war, verfolgte ihn nun bis an sein Ende.
Er würde sich wieder zurückverwandeln, doch dies war ein Fluch, der ihn immer wieder dazu zwingen würde, diese Gestalt anzunehmen.
Er war ein Werwolf, schon von Geburt an und dennoch hatte er nichts davon gewusst.